Die PND-Debatte hält an

..und zwar nicht nur in feministischen Bündnissen, sondern auch in den Medien. So hat Matthias Thieme – Journalist und Vater eines Kindes mit Trisomie-21 – in der taz das Thema Abtreibungsrecht und Pränataldiagnostik kommentiert, und eine lebhafte Diskussion in der Kommentarspalte entzündet.

Leider geht sein Beitrag trotz leichten gesellschaftskritischen Tönen kaum über eine moralische Betrachtung der Lage hinaus.
Wir würden jedenfalls im nächsten Jahr gerne mit euch diskutieren, wie denn die feministischen Alternativen zum diskriminierenden Normalzustand aussehen – und wie wir diese zusammen umsetzen können.

Redebeitrag 2016 – 6: AFBL

Der neue Träger dieses Schweigemarsches für das Leben ist ein Verein, der sich (das ist kein Scherz) „Lebensrecht Sachsen“ nennt, und der sich als „überkonfessionell und parteiübergreifend“ beschreibt. Damit sollen nun wohl auch die Lebensschützer erreicht werden, die der CDU nichts mehr abgewinnen können. Und was das in Sachsen heißt, ist klar. Redner auf der Abschlusskundgebung dieses Marschs ist der christliche Hardliner und ehemaliger CDU-Politiker Martin Lohmann. Der Lohmann, der sich 2013 in einer berüchtigten Günther-Jauch-Talkshow dagegen aussprach Vergewaltigten Frauen die Pille danach zu verabreichen. Der, der – nur Konsequent – das „Ausleben“ von Homosexualität ablehnt und schließlich der, der im Frühjahr 2010 als Erstunterzeichner des „Manifestes gegen den Linkstrend in der CDU“ in Erscheinung trat.

Von evangelikalen Christen wie von Neuen Rechten wird das anachronistische Bild einer vermeintlich „heiligen“ (und heilen) Familie als Norm verbreitet und dieses gegen alle diejenigen gerichtet, die sie als anders wahrnehmen. Ein kollektives Selbst (Deutschlands) wird auf- und angerufen, dem sich qua göttlicher Autorität hingegeben werden soll. Und das meint dann vor allem: der Pflicht der Reproduktion nachzukommen. Dafür wird eine Notwendigkeit von patriarchal-strukturierter Ehe und Familie für die Gesellschaft imaginiert. Frauen fungieren in dieser Sicht als Ehefrauen und Mütter, und nicht als selbstbestimmte Individuen. Das Mutterkreuz lässt grüßen. Und die, die sich nicht in die christliche Normvorstellung von heterosexueller Ehe und Familie fügen wollen, fallen per se schon aus der Rechnung dieser sogenannten Lebensrechtler heraus, ganz zu schweigen von denen, die sie nicht zum Kollektiv – oder wie manche von ihnen es wohl nennen wollen: „zum Volk“ – zählen.

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Redebeitrag 2016 – 5: Kirsten Achtelik

Martin Lohmann, der Vorsitzende des Bundesverband Lebensrecht hat eben auf der Abschlußkundgebung der selbsternannten Lebensschützer gesagt, dass wir, also die Gegendemonstrant_innen ein „komatisiertes Gewissen“ hätten und gar nicht wüßten, warum wir eigentlich hier sind. Das wissen wir aber nur zu gut, weil wir nämlich nicht zulassen wollen, dass Leute wie Herr Lohmann über die Körper von Frauen bestimmen!
Wir wissen allerdings auch, dass wir nioch viel diskutieren müssen um unsere eigenen Positionen zu schärfen. Eine der Fragen, die wir uns dabei stellen müssen ist: Wie kann eine feministische Position aussehen, die das Recht auf Abtreibung verteidigt, sich aber gegen pränatale Diagnostik (PND) und selektive Abbrüche ausspricht?
Für die selbst ernannten Lebensschützer, gegen die wir heute protestieren, ist „jedes Leben wertvoll“, wertvoll für Gott, meinen sie damit. Schützenswertes menschliches Leben beginnt für sie bereits mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Sie gehen daher von einer direkten Diskriminierung behinderter Föten durch PND und PID aus: Embryonen und Föten mit festgestellten Beeinträchtigungen würden durch die Nichteinpflanzung bzw. Abtreibung schlechter behandelt als solche ohne auffällige Diagnosen.
Feministinnen mit und ohne Behinderung fordern dagegen ein Recht auf Entscheidungen über den eigenen Körper für jede Person ein. Niemand soll mit Strafgesetzen, Zwangsberatung, „Gehsteigberatung“ oder sonstigen Maßnahmen dazu gebracht werden darf, schwanger zu sein, wenn sie es nicht will.
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Redebeitrag 2016 – 4: Motivation, Motivation!

“We can’t believe we still have to protest this shit”, sagten sich 2014 ca. 50 Menschen und machten sich dennoch auf den Weg ins Erzgebirge, nach Annaberg-Buchholz.
Der Grund: Zum vierten Mal trafen sich inmitten des sächsischen Bible Belt christliche Fundamentalist*innen, um einen von den „Christdemokraten für das Leben“ organisierten sogenannten „Schweigemarsch für das Leben“ abzuhalten, der sich gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbruch richtet. Anders als etwa in Münster und Berlin waren sie dabei bis dato von feministischen Protesten unbeHELLlligt geblieben. Doch damit war es nun endgültig vorbei. Im Jahr darauf folgten bereits 200 Menschen dem Aufruf von Pro Choice Sachsen und demonstrierten unter dem Motto „Für unbefleckte Abtreibung! Weg mit § 218!“ gegen die Schweigemärschler*innen. Heute, im dritten Jahr des Protests, hat sich die Teilnehmer*innenzahl nochmals verdoppelt. Den antifeministischen, transphoben und homophoben Gegner*innen von legalen Schwangerschaftsabbrüchen dürfte nun endgültig klar geworden sein: Wir rücken ihnen nicht mehr von der Pelle, bis der letzte Fundi begriffen hat, dass wir über unsere Körper selbst entscheiden! Denn unsere Körper gehören weder der Kirche noch Deutschland! Aber nicht nur Religion und Staat haben sich aus unseren Entscheidungen darüber, wie wir leben und lieben wollen, herauszuhalten, auch das Reingequatsche durch Rechtspopulist*innen, wie der AfD, weisen wir auf das Schärfste zurück!
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Redebeitrag 2016 – 3: Erfahrungsbericht

2011 ist mir das passiert, was ich nie wollte. Meine Pille hat versagt, ich war ungeplant und ungewollt schwanger. Für mich stand damals schon fest, dass ich keine Kinder möchte – im Gegensatz zu meinem Partner, der sich riesig über den positiven Schwangerschaftstest freute und das Kind haben wollte. Ihm zu sagen, dass ich das Kind nicht möchte – ich dachte das wäre wohl das Schwierigste bei meinem Entschluss die Schwangerschaft abzubrechen.

Aber da hab ich weit gefehlt – in den Wochen nach meiner Entscheidung habe ziemlich deutlich zu spüren bekommen was der Paragraph 218 real bedeutet.
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Redebeitrag 2016 – 2: ak moB

Liebe Freund_innen,
seit Jahren versuchen die fundamentalistischen AbtreibungsgegnerInnen, sich selbst ein neues Image zu geben. Sie möchten nicht als religiöse FanatikerInnen dastehen, die Frauen* und queere Menschen hassen. Um für die sogenannte gesellschaftliche Mitte anschlussfähig zu bleiben, geben sie sich human und überparteilich. Tatsächlich werden die sogenannten Lebensschützer von der neurechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ unterstützt. Sie schreiben sich „Inklusion“ auf die Schilder und tun so, als würden sie sich mit ihrer Forderung nach einem weitgehenden Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen für die Rechte von Behinderten einsetzen; ihnen geht es dabei allen Ernstes um die „Inklusion Ungeborener“.
Wir, der Arbeitskreis mit_ohne Behinderung, halten das für einen sehr schlechten Witz. Bereits in den 1980er Jahren wurden die sogenannten „Lebensschützer“ von Aktivistinnen kritisiert, die sich selber „Krüppelfrauen“ nannten. Die Krüppelfrauen traten schon damals für das Recht aller, also auch behinderter Frauen ein, eine Schwangerschaft auszutragen oder abzubrechen. Gleichzeitig kritisierten sie schon damals den sich am Horizont abzeichnenden Trend zur Pränataldiagnostik und zu selektiven Schwangerschaftsabbrüchen, wenn beim künftigen Kind eine Beeinträchtigung diagnostiziert wird. PND ist inzwischen zur Normalität geworden; bei PND und Präimplantationsdiagnostik wird in erster Linie nach sogenannten Abweichungen beim Fötus gesucht. Wir finden: Es muss ein Recht auf Schwangerschaftsabbruch geben. Aber es gibt kein Recht auf ein ‘gesundes’ Kind.
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Redebeitrag 2016 – 1: Grußwort aus Polen

Damit ihr auch über die dunklen Wintertage was zu lesen habt, stellen wir in den nächsten Wochen nach und nach die Redebeiträge von unserer Demo in Annaberg-Buchholz 2016 hier ein. Zum in-Erinnerungen-schwelgen, neue-Motivation-schöpfen und Pläne-für-2017-schmieden. Los geht’s – aus aktuellem Anlass – mit dem Grußwort der polnischen Aktivist_innen von Dziewuchy Dziewuchom Kraków:

Englisch:
Dears,
We are glad that you ARE THERE. We are glad that you don’t allow for this perfidious so called „march of silence“. We are as angry as You are. We are furious when the perpetrators of violence are trying to take over the language of survivors.
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3.12.16 in Dresden: Jahresrückblick, Vernetzung, Konzert!

Das Jahr nähert sich dem Ende. Wir fangen bereits an, das nächste zu planen. Vorher aber habt ihr die Gelegenheit, an einem großartigen Event in Dresden teilzunehmen. Es gibt einen Jahresrückblick über feministische Aktionen in Sachsen, einen Vortrag von Pro-Choice-Aktivistinnen aus Poznan, Gespräche zur Vernetzung, und natürlich Musik und gutes Essen! Also DIE Chance, die aktuellen Erfolge polnischer Feminist*innen ausgiebig zu feiern, von ihnen zu lernen und nebenbei noch die Soli-Kassen zu füllen.

Wann? Samstag, den 03.12.16
Wo? AZ Conni, Dresden

Programm:
►15-18 Uhr // feminist meet & greet, welch ein Jahr! Reflexion & Wertschätzung von feministischer Aktion in DD and around ♥
Mobi für das kommende Jahr!
► 18 Uhr // Kolektyw KŁAK Queer-feministisches Kollektiv aus Poznan, Polen. Berichte vom Kampf gegen die Abtreibungsgesetze und von der Orga des #BlackMonday in Poznan.
Diskussion/ Austausch / Vernetzung
► 20 Uhr // Tanzen, Schwitzen, Schreien
Besuch aus Berlin: Eat My Fear & tall as trees
https://eatmyfear.bandcamp.com/album/eat-my-fear
https://tallastrees.bandcamp.com/album/self-titled
► After: Soli-Party w Kolektyw KŁAK & ProZecco & Anna Adams für die queer-feministische Arbeit in Polen des Kolektyw KŁAK
► Extras: Überraschungsshow zur Geisterstunde, Hugs & Love
► Lecker vegan food von der neue KüfA-Gruppe Szintillation*

#feminist take over – Konzert/Vortrag/Soli-Party für das Kolektyw KŁAK am 3.12. im AZ Conni – Dresden

fem-ja-header

Böse und Gemein und Pro Choice Sachsen veranstalten einen gemeinsamen Jahresabschluss im AZ Conni Dresden.
Dazu wurde das Kolektyw KŁAK aus Poznan (Polen) eingeladen, damit sie uns ein bisschen von ihren erfolgreichen Protesten gegen die Verschärfung des Abtreibungsgesetzes und ihren weiteren Plänen berichten werden.

Natürlich wird das nicht alles sein!
hier gehts zum Programm:

► 15-18 Uhr // feminist meet & greet, welch ein Jahr! Reflexion & Wertschätzung von feministischer Aktion in DD and around ♥
Mobi für das kommende Jahr!
► 18 Uhr // Kolektyw KŁAK Queer-feministisches Kollektiv aus Poznan, Polen. Berichte vom Kampf gegen die Abtreibungsgesetze und von der Orga des #BlackMonday in Poznan.
Diskussion/ Austausch / Vernetzung
► 20 Uhr // Tanzen, Schwitzen, Schreien
Besuch aus Berlin: Eat My Fear & tall as trees
https://eatmyfear.bandcamp.com/album/eat-my-fear
https://tallastrees.bandcamp.com/album/self-titled
► After: Soli-Party w Kolektyw KŁAK & ProZecco & Anna Adams für die queer-feministische Arbeit in Polen des Kolektyw KŁAK
► Extras: Überraschungsshow zur Geisterstunde, Hugs & Love
► Lecker vegan food von der neue KüfA-Gruppe Szintillation*

FB Veranstaltungslink

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What the fu*k is that KŁAK?

Collective KŁAK is on tour and it’s going to Dresden.
A plan is simple: we want to visit a friendly place to refresh old and make new friendships, and it so happens that we have a lot to say…so we would like to talk about:
– ideas of our commitment,
– the adventures and experience gathered over the last few years in activism,
– the pleasures and problems in creating queer movement in Poznan,
– the place that we want to find for our activities
and – above all – about our “new” struggle with anti-abortion law.

See You there!

About KŁAK Collective

We are a queer-anarchist collective and have been active in Poznań for several years. In our understanding, queer is an idea that helps to understand that different oppressions and exclusions interfere and cross with each other. We want to be aware of these mechanisms so that we can act in a way that’s as including as possible by learning from our mistakes. Queer doesn’t have to be understood as a sophisticated product of academic dialogue. It can be a radical social critique and practice that broadens the possibilities and horizons of grassroot liberation movements. Queer as a strategy helps us not to forget about these whose class position, social background, gender, disabilities or non-heteronormative desires put beyond dominating stories and social structures.

Anarchism as we see it is the belief that we can create a world that’s based on direct democracy, where each person has an influence on issues that concern them. Anarchism enables us not only to envision alternatives to the dominating system, but also to create spaces which start to function based on the principles close to those who co-create them. Till 2015 we co-created the Od:zysk squat where we used to organize benefit parties to help different small collectives. We also used to organize Queer Fests – festivals that aimed to be a space for networking the budding queer movement, for learning different activist methods from each other and for questioning status quo by exploring theoretical problems. At our events and parties we tried to develop the idea of safer space – to make the participants and ourselves aware of how many different privileges we have in our society and how people who don’t have them lose the access to public space – whether it’s because of the economic or background issues, sexual orientation or gender. We tried to create a space that makes it possible to include different people and groups whose access to public space is limited and to sensitize ourselves to these exclusions.

Unfortunately, the building where the Od:zysk squat was located has been sold and during the last year its actions, its inhabitants and collectives had to cope with great pressure from the owner as well as from the nationalist-hooligans groups that intensified attacks on our squat. Squating which was supposed to be a social protest against neoliberal changes in the society has been strongly criminalized. We were one of the collectives functioning on the Od:zysk squat so we feel the need to have a stable space where we could continue our work as well as make it accessible for other homeless liberation initiatives. We’d also like to work out traumatic events that took place during the process of losing our squat. Another local context is the political situation in Poland. On one hand Poznań is a city dominated by neoliberal politics adjusted to make it easier for investments which are often antisocial . At the same time social functions are dumped on nongovernmental organizations. On the other hand we see very strong rise of nationalist and conservative ideologies in Poland. It changes the situation of women, migrants, non-heteronormative people for worse and it’s getting hard to find public places which are friendly towards these groups. With our actions we want to show that we can self-organize, we can decide about the issues that concern our life and we can develop social solidarity.

Pränataldiagnostik im Kino

Der aktuelle Kinofilm „24 Wochen“ thematisiert Pränataldiagnostik in der Schwangerschaft und den darauf folgenden schwierigen Entscheidungsprozess zur Abtreibung eines Fötus mit Trisomie 21. Matthias Thieme, Vater einer Tochter mit Trisomie 21, hat aus diesem Anlass einen interessanten Artikel in der Berliner Morgenpost geschrieben.

Zitat: „Ich bin für das Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper, für das Recht auf Abtreibung. Ich respektiere dieses Recht als zivilisatorische Errungenschaft. Aber ich frage mich dennoch, welchem Wertesystem wir folgen, wohin unsere Gesellschaft driftet, wenn mehr als 90 Prozent aller Kinder mit Down-Syndrom abgetrieben werden.“