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Feministische Kämpfe für reproduktive Rechte weltweit

Ein Radiofeature von Aktivist*innen von Pro Choice Sachsen

Jedes Jahr finden 21 Millionen Abtreibungen unter unsicheren Bedingungen statt.
Die Liste der negativen Folgen, die unsichere Abtreibungen haben, ist endlos und umfasst neben physischen und psychischen Verletzungen auch Stigmatisierung und Kriminalisierung.
47.000 illegalisierte Abtreibungen gehen jedes Jahr tödlich aus. Das macht sie zu einer der häufigsten Todesursachen für Frauen.

Der Zugang zu einer sicheren Abtreibung ist in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich geregelt. Während Frauen in einigen Ländern das Recht haben, über ihren eigenen Körper zu entscheiden und eine Schwangerschaft abzubrechen, ist Abtreibung an vielen Orten auf der Welt illegal. Reproduktive Rechte sind umkämpft. Insbesondere christliche FundamentalistInnen organisieren sich als Anti-Choice-Bewegung und kämpfen gegen die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. In Deutschland treten sie besonders durch ihre sogenannten Schweigemärsche in Erscheinung, so auch im sächsischen Annaberg-Buchholz.

2013 schlossen wir, das Kollektiv Kosmotique und die feministische Gruppe e*vibes in Dresden, uns zu einer Initiative zusammen, um gegen diesen Schweigemarsch Protest zu organisieren.
Seitdem ist der Demotermin im Juni nicht mehr aus unseren Kalendern wegzudenken. Der Protest ist größer geworden, wie auch die Dringlichkeit, den christlichen Fundamentalist*innen zu widersprechen. Der rechts-konservative antifeministische Rollback hat volle Fahrt aufgenommen.

Aber auch unser Widerstand hat sich ausgeweitet. Inzwischen werden die Proteste von einer Vielzahl politischer Gruppen und Initiativen vorbereitet, die gemeinsam im Bündnis „Pro Choice Sachsen“ organisiert sind.

Wir solidarisieren uns mit den Kämpfen von Feminist*innen für legale und sichere Schwangerschaftsabbrüche in Irland und unterstützen den Widerstand gegen Gesetzesverschärfungen in Polen. Wir sehen uns mit Pro Choice Sachsen als Teil einer globalen feministischen Bewegung für reproduktive Rechte.

Für das Radio-Feature haben wir die aktuelle rechtliche Situation und die Akteur*innen der feministischen Kämpfe in verschiedenen Ländern recherchiert. Im Fokus stehen Brasilien, Portugal, Polen, die USA, Schweden, Russland und Irland.

Tickets nun auch in Erfurt

Für alle die aus Erfurt mit nach Annaberg-Buchholz fahren möchten gibt es nun im Redroxx (Pilse 29) von 15-19 Uhr Bustickets.

Alles Infos zu Tickets aus anderen Städten findet ihr hier.

 

Kulturkampf und Gewissen – Veranstaltungsmitschnitt

Wer am vergangenen Freitag nicht bei der Vorstellung des Buches “Kulturkampf und Gewissen” dabei sein konnte – hier gehts zum Mitschnitt:

Medizinethische Strategien der “Lebensschutz”-Bewegung.

Die so genannte Lebensschutz-Bewegung oder Anti-Choice-Bewegung will in die Offensive: Sie möchte nicht nur die Zugänge zu Schwangerschaftsabbrüchen erschweren, sondern führt auch einen Kulturkampf zur Retraditionalisierung der Geschlechter- und Familienverhältnisse, um christliche Moral und das ärztliche Gewissen. Damit ist sie Teil eines konservativen bis extrem rechten, in Teilen antidemokratischen, Aufschwungs. Die Autor*innen analysieren in “Kulturkampf und Gewissen. Medizinethische Strategien die neuen medizinethischen Strategien der so genannten LebensschützerInnen, ihre Stärken, Schwächen und internen Widersprüche. Damit liefern sie das Material für eine kritische Auseinandersetzung mit Anti-Choice – und die Grundlage für den nötigen Widerstand.

Über ein Jahr lang haben Eike Sanders und Ulli Jentsch, Mitarbeiter*innen des Antifaschistischen Pressearchivs und Bildungszentrums (apabiz) zusammen mit der freien Journalistin und Autorin Kirsten Achtelik recherchiert, gelesen, Thesen mit Kolleg*innen und Aktivist*innen diskutiert und aufgeschrieben. Kulturkampf und Gewissen ist beim Berliner Verbrecherverlag erschienen.

Gaidao 06/18: KALEB – eine Organisation ostdeutscher Abtreibungsgegner*innen

KALEB ist eine Abkürzung und steht für „Kooperative Arbeit Leben Ehrfürchtig Bewahren“, eine Gruppe von so genannten „Lebensschützer*innen“ (Erklärung zum * siehe Fußnote), so ihre Selbstbezeichnung. Als „Lebensschützer*innen“  bezeichnen sich im deutschsprachigen Raum meist christlich motivierte Abtreibungsgegner*innen. Diese Bewegung entstand in Westdeutschland in Reaktion auf die Liberalisierung des Abtreibungsrechts – ein  (Teil-)Erfolg der Frauen*bewegung. Die Szene der 'Lebensschützer*innen' ist insgesamt aufgespalten in mindestens 60 Gruppen, die sich in Radikalität und Schwerpunktsetzung noch einmal stark voneinander unterscheiden. Das geht bis zu Gruppen wie die Initiative „Nie nieder!“, die Schwangerschaftsabbrüche als „Babycaust“ bezeichnet und Psychoterror gegen Ärzt*innen befürwortet, die Abbrüche vornehmen.

Inhalte von KALEB

Auf den ersten Blick ist KALEB eine Organisation, die vor allem schwangere Frauen* und Frauen* mit Kindern unterstützt, etwa durch die Verteilung von Kleidung oder andere unterstützende Maßnahmen. Tatsächlich ist die Hilfstätigkeit auch ein wichtiger Aspekt in der Arbeit von KALEB. Das zugrunde liegende Motiv jedoch entspringt den eigenen christlich-reaktionären Überzeugungen. Die religiöse Motivation ist von außen nicht immer gleich ersichtlich, aber in den eigenen Schriften wird sie offen verkündet. Etwa im KALEB-Rundbrief 2015: „Darum tut es uns gut, unser Leben mit seinen oftmals bescheiden wirkenden Bemühungen nicht als Nachhutgefechte einer
alten Ordnung zu begreifen, sondern als Vorhut der kommenden Erlösung der geschundenen Menschen. Das Gericht behält Gott sich vor – welche Entlastung für uns! Wir dürfen uns darauf beschränken zu retten, was zu retten ist.“

Aus dieser christlichen Überzeugung wird abgeleitet, dass ab der Befruchtung der Eizelle Leben vorhanden sei, was gegen das Selbstbestimmungsrecht der Frau* unbedingt 'geschützt' werden müsse. In internen Materialien werden die Abbrüche nach dieser Logik auch folgerichtig als „Mord“ oder „Tötung“ bezeichnet. So hieß es etwa im
KALEB-Sommer-Rundbrief 2014: „Ja, es findet jedes Jahr ein grausames Massentöten auf schrecklich stille Weise statt!“

Diese Verweigerung des Selbstbestimmungsrecht auf Schwangerschaftsabbruch wird nicht selten noch um eine große Portion Homophobie ergänzt. So schrieb etwa im Jahr 2003 der damalige KALEB-Bundesvorsitzende einen
Brief an die BRAVO, in dem er das Dr. Sommer-Team aufforderte, damit aufzuhören Homosexualität als  gleichwertig zu Heterosexualität darzustellen und vorschlug stattdessen lieber „Schwulenheilung“ zu propagieren.

Für ihre antifeministischen Positionen gehen mehrere hundert „Lebenschützer*innen“ alljährlich in Annaberg-Buchholz auf die Straße. An diesen „Schweigemärsche für das Leben“ beteiligt sich auch KALEB. So sprachen etwa als Redner*innen am 14. Mai 2012 in Annaberg-Buchholz neben Steffen Flath (damaliger Vorsitzender der
CDU-Fraktion im sächsischen Landtag), auch Gerhard Steier (damaliger KALEB-Bundesvorsitzender) und Ruthild Kohlmann, Vorsitzende von KALEB in Chemnitz und mutmaßlich Mutter von Martin Kohlmann, der für die rechtspopulistische Formation „Pro Chemnitz“ im Stadtrat sitzt.

Beim 8. Schweigemarsch für das Leben am 12. Juni 2017 in Annaberg-Buchholz sprach neben Hedwig Freifrau von Beverfoerde aus Magdeburg, Veranstalterin der homophoben „Demo für alle“ in Stuttgart, auch Gerhard Steier aus Chemnitz. Steier wurde inzwischen als Geschäftsführer der Geschäftsstelle in Chemnitz von Jörg Weise aus Zwickau abgelöst. Auch an dem ersten „Marsch für das Leben“ 2002 in Berlin war KALEB unter Walter Schrader organisierend beteiligt.

KALEB im Osten

Nach der Vereinigung von BRD und DDR in einem allgemeinen nationalistischen Taumel konnten sich auch auf dem Gebiet der ehemaligen DDR Gruppen organisierter Abtreibungsgegner*innen gründen. Die 1990 in Leipzig
gegründete KALEB ist hauptsächlich in den neuen Bundesländern aktiv. Sie ist evangelikal geprägt und Mitglied im Dachverband „Bundesverband Lebensrecht“.
Ihr Ziel ist ein „Europa ohne Abtreibung und Euthanasie“ - wobei unter letzterem auch jede Form von Sterbehilfe verstanden wird.

KALEB verfügte 2016 deutschlandweit über 37 Regionalgruppen. Neben den KALEB-Regionalverbänden existiert auch noch die Initiative „Teen-Star“, die versucht Jugendlichen mit einer konservativen Sexualpädagogik eine entsprechend konservative Sexualmoral zu vermitteln. Außerdem verfügt KALEB mit „Young and Free Kaleb“
(YAF) über eine eigene Jugendorganisation mit Sitz in Schwarzenberg.

Innerhalb der neuen Bundesländer kann das südliche Sachsen, also das Erzgebirge und das Vogtland als Schwerpunktregion von KALEB gelten. Nicht zufällig wurde 2016 der KALEB-Sitz von Berlin nach Chemnitz
verlagert, dem Tor zum Erzgebirge.

In Chemnitz wurde bereits am 10. März 2017 in der Augustusburger Straße feierlich das „Haus für das Leben“ eingeweiht, dessen Grundstein im Juni 2013 gelegt wurde. In diesem ist der Verein „KALEB Region Chemnitz e. V.“, die Chemnitzer Beratungsstelle und die KALEB-Bundesgeschäftsstelle angesiedelt. Zur Eröffnung gratulierte
auch der CDU-Landtagsabgeordnete Peter Wilhelm Patt, der auch Mitglied von drei katholischen Studentenverbindungen ist.

Die Verwurzelung von KALEB am Beispiel Sebnitz

In Sachsen ist KALEB gut in die regionale Zivilgesellschaft integriert. Ein Beispiel dafür ist Sebnitz. Laut einem taz-Bericht teilt KALEB Sebnitz sich am Marktplatz ein Haus mit dem „Deutschen Roten Kreuz“ und die Stadt zahlt KALEB Sebnitz dem Verein eine „Mietstütze in Höhe von ca. 57 Prozent auf die Gesamtmiete“. Außerdem lieferte
KALEB zusammen mit der Kirche den Hebammen im Klinikum Sebnitz jedes Jahr Geschenkbeutel, die sie an junge Mütter* verteilen - Baby-Utensilien und Prospekte. Erst nach einer Nachfrage der taz hat die Klinikleitung das untersagt. Noch 2014 durfte KALEB seine Termine in einer eigenen Rubrik im Amtsblatt der Stadt Bad Schandau veröffentlichen.

Bis November 2017 war Bernd Katzschner Leiter der KALEB-Ortsgruppe Sebnitz. Der Diplom-Sozialarbeiter war Vollzeit-Mitarbeiter für KALEB, aber angestellt bei der Diakonie in Pirna.Auf dem Sebnitzer Friedhof hat KALEB sogar einen Gedenkstein „an ungeborenes Leben“ errichten lassen.

 

Überschneidungen zur politischen Rechten

KALEB darf als Teil der christlichen Rechten betrachtet werden. Diese weist immer wieder auch personelle und thematische Überschneidungen zur extremen Rechten auf.

Für KALEB engagiert sich beispielsweise auch Hanne Kerstin Götze (* 1960). Die gelernte Diplom-Bibliothekarin ist Autorin des Buches „Kinder brauchen Mütter“, welches 2011 im extrem rechten Ares-Verlag mit Sitz in Graz erschien. Dass sie gelegentlich auch für die neurechte Wochenzeitung „Junge Freiheit“ schreibt, verwundert da kaum.

Am 15. September 2017 referierte sie bei der neurechten „Bibliothek des Konservatismus“ in Berlin zum Thema „Elternbindung statt Krippenplatz – Für eine Willkommenskultur für Kinder“.

KALEB als Ausdruck der (südwest-)sächsischen Verhältnisse

KALEB ist ein wichtiger Baustein im evangelikalen Netzwerk im Erzgebirge und Vogtland. In diesem sächsischen Bibelgürtel existiert im Gegensatz zum restlichen Ostdeutschland eine christlich-konservative Mehrheitsgesellschaft, in der ein starker evangelikaler Flügel auf landeskirchlicher Ebene den Ton angibt. Auf wahlpolitischer Ebene ringen um die Stimmen dieses Klientels AfD und CDU miteinander. Hier wildert die AfD mit ihrer Forderung nach einer „Wilkommenskultur für Ungeborene“ erfolgreich im Revier der rechtskonservativen
Sachsen-CDU.

Dass ein Teil der „Lebensschützer*innen“ sich von der Union weg bewegt, kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass die Aufmärsche in Annaberg nicht mehr von den „Christdemokraten für das Leben“, sondern von dem
parteipolitisch neutralen „Verein Lebensrecht Sachsen“ organisiert werden.

Fußnote: Das Sternchen hinter dem Begriff Frau* soll die soziale Konstruktion des Geschlechts verdeutlichen, das gleiche gilt für Mann*

LESETIPP: Eike Sanders, Ulli Jentsch & Felix Hans: „Deutschland treibt sich ab“. Organisierter »Lebensschutz«, christlicher Fundamentalismus und Antifeminismus, 2014.

 

2 Veranstaltungen am 23. Mai: Plauen und Leipzig

23.05. in Plauen: Lesung “Kulturkampf und Gewissen – medizinethische Strategien der ‘Lebensschutz’-Bewegung”

Heute findet der zweite Stopp von Eike Sanders & Ulli Jentsch auf ihrer Sachsen-Lesetournee zu ihrem neu erschienen Buch “Kulturkampf und Gewissen – Medizinethische Strategien der “Lebensschutz”-Bewegung”. Heute werden die beiden in Plauen im Projekt Schuldenberg zu Gast sein.

Um 18 Uhr im  Projekt Schuldenberg, Thiergartner Straße 4


23.05. in Leipzig: Vortrag zu “NS-Zwangsarbeit und Schwangerschaft”

NS-Zwangsarbeit und Schwangerschaft: Das Schicksal schwangerer Zwangsarbeiterinnen und ihrer Kinder im Zweiten Weltkrieg mit lokalen Beispielen

Während des Zweiten Weltkrieges verschleppten die Nationalsozialisten Millionen Männer, Frauen und Kinder aus den besetzten Ländern und Gebieten zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich. Etwa ein Drittel der in Deutschland eingesetzten Zwangsarbeiter_innen waren Frauen und Mädchen. Neben schwerer Arbeit, unzureichender Ernährung, fehlender gesundheitlicher Versorgung und vielfachen Gewalterfahrungen gestaltete sich die Situation von schwangeren Zwangsarbeiterinnen besonders schwierig: Für die Nationalsozialisten zählte allein der ökonomische Nutzen. Eine Schwangerschaft bedeutete Ausfall von Arbeitskraft und -zeit. Zudem stand die Geburt von Kindern durch Frauen aus vor allem Osteuropa im Widerspruch zur rassistischen Ideologie der Nationalsozialisten.

Diese berief sich zum „Erhalt des Volkskörpers“ auf die „Familie als Keimzelle der Nation“ und stellte Schwangerschaftsabbrüche „deutscher erbgesunder“ Frauen unter schwere Strafe. Schwangere Zwangsarbeiterinnen aus Osteuropa wurden jedoch unter Berufung auf die „Verhütung rassisch minderwertigen Nachwuchses“ zu Abtreibungen gezwungen.

In diesem einführenden Vortrag möchten wir einen Einblick in die Entwicklung und Anwendung des §218 zu Zeiten des Nationalsozialismus und die besondere Situation von schwangeren Zwangsarbeiterinnen geben sowie den auf rassistischen Grundlagen beruhenden Umgang mit Schwangerschaft im NS-Staat thematisieren.

Um 20 Uhr in der Frauenkultur, Leipzig

Gaidao 05/18: Wie geht Utopie? – Reproduktionstechnologien zwischen Gegenwart und Zukunft

Im feministischen Science-Fiction Roman „Frau am Abgrund der Zeit“ von Marge Piercy aus dem Jahre 1976 wird eine utopische, befreite Gesellschaft skizziert, in der Babys nicht mehr auf „natürliche“ Weise gezeugt und geboren werden. Stattdessen wächst genetisches Material in einem liebevoll gestalteten „Brüter“ - der auch den pränatalen Bedürfnissen der heranwachsenden Embryos gerecht wird - zu menschlichem Nachwuchs heran. Es fällt schwer, die dort skizzierte Entstehung menschlichen Lebens als die entmenschlichte/ende Retortenbabyfabrik zu  verstehen, die in vielen dystopischen Zukunftsvisionen immer wieder als Schreckgespenst beschworen wird.

Der Roman beschreibt die Begegnung zweier Zeitebenen, wobei die Hauptfigur „Conni“ aus der dystopischen Gegenwart eines New-Yorker Slums stammt. Zwangseingewiesen in eine psychiatrische Anstalt, nimmt eine
Person aus einer (im weitesten Sinne) Öko-Anarchistischen Zukunft Kontakt auf. Die Handlung wechselt im Folgenden zwischen den beiden Zeiten ohne dass eine Person – im Sinne einer Zeitreise – wirklich in die andere wechselt. Es bleibt dabei offen, ob es sich tatsächlich um einen Kontakt zwischen den Zeiten handelt, oder ein
lediglich eskapistischer Wunschtraum der völlig entmündigten Conni ist.

Ein Verhältnis besteht in jedem Fall: Connis Perspektive ist auch die unsere, wenn wir über feministische Utopien nachdenken oder diskutieren. Denn dieses findet immer inmitten einer Verstricktheit in gegenwärtige Verhältnisse  statt – patriarchal, kapitalistisch, nationalstaatlich, kurz: herrschaftlich. Die umkämpfte Auseinandersetzung um Reproduktionstechnologien und vor allem reproduktive Rechte findet – im Sinne des Romans – immer im Dazwischen statt. Im Spannungsfeld zwischen Gegenwart und Zukunft gilt es bei einer Vorwegnahme des Zukünftigen, bestehende gesellschaftliche Verhältnisse nicht aus dem Blick zu verlieren. Andersherum können wir gegenwärtig nicht politisch handeln, wenn wir im Jetzt nicht doch die Saat einer anderen, befreiten Gesellschaft ausfindig machen können. In jedem Fall gilt auch das Credo des Romans: dass eine utopische Vision davon lebt, in der Gegenwart erkämpft zu werden – andernfalls wird aus der ermächtigenden Vision doch nur ein  eskapistischer Wunschtraum, wo mit jedem verlorenen Kampf die utopische Zukunft verunmöglicht wird.

Der Themenschwerpunkt „Feministische Utopien und Reproduktionstechnologien“, den sich das Bündnis Pro- Choice Sachsen in diesem Jahr gesetzt hat, bewegt sich in diesem Spannungsfeld: Die Utopie von Reproduktion, die nicht mehr dem „Diktat der Biologie“ unterliegt, muss den existierenden Reproduktionstechnologien und ihren Wirkungen unter gegebenen Verhältnissen gegenübergestellt werden – ebenso wie die Entwicklung dieser Technologien innerhalb der bestehenden Verhältnisse. (Wem nutzen diese Techniken wirklich? Aus welchem
Grund und für wen wurden/werden sie entwickelt? Was sind absehbare Folgen?).

Die zukünftigen technologischen Möglichkeiten menschlicher Fortpflanzung, die Piercy in ihrem utopischen  Roman auf literarische Weise entwirft, haben wir dieses Jahr bei Pro Choice Sachsen politisch und praxisbezogen diskutiert. Nachdem wir nun im fünften Jahr Gegenproteste zu den Schweigemärschen der christlichen Fundamentalist_innen in Annaberg organisieren (siehe März-Ausgabe) und uns intensiv mit den Organisationen und Machenschaften der selbsternannten „Lebensschützer“ beschäftigten (siehe April-Ausgabe), ist nun für uns die Zeit gekommen, gemeinsam in die Zukunft zu schauen und eine emanzipatorische Antwort auf den
urkonservation Rollback der Fundis und Rechten zu formulieren. Denn selbst wenn wir es schaffen, die Verschärfung der Strafgesetzgebung und den politischen wie sozialen Druck der Fundis auf Schwangere
durch unsere Gegenproteste zu verhindern, ist noch lange nicht alles erreicht. Mehr denn je brauchen wir also eine politische Perspektive, die Frauen* aus der alleinigen Verantwortung fürs Kinder kriegen befreit und diese Aufgabe gesamtgesellschaftlich organisiert. Wie solch eine reproduktive Praxis in Zukunft aussehen kann und was
mögliche Fallstricke auf dem Weg dahin sind, haben wir versucht in den folgenden Thesen auszuloten. Dabei formulieren wir sicher keine abschließenden Weisheiten, sondern versuchen uns in bestehenden
Debatten zu orientieren und zum Diskutieren anzuregen!

Die unterschiedlichen Standpunkte diese Debatte betreffend sind nicht neu. Shulamith Firestone (Dialectics of Sex, 1975) hatte die Überwindung der „Natur der Frau“ als Bedingung für ihre Befreiung formuliert – mit allen nur zur Verfügung stehenden Mitteln. Gegenwärtige Queer-Feministische Perspektiven schlagen einen ähnlichen Weg vor, wenn es heißt: Queere Reproduktionspolitik hat sich die technologischen Möglichkeiten anzueignen und das
entfremdende Potenzial von Technologie progressiv hin zu Denaturalisierungsprozessen zu wenden. Die Rede ist dann von der Disaggregation (biol. Auseinandernehmen) von Natur, Geschlecht und Begehren. Konkret bedeutet das z.B., durch Techniken der künstlichen Befruchtung (In Vitro Fertilisation, IVF) den heterosexuellen
Fortpflanzungsprozess zu unterbrechen. Deutlich wird damit vor allem, dass Fortpflanzung ein sozial-natürliches Ereignis ist, was Heterosex, binär-geschlechtliche Körper und Kernfamilie bedeutsam aus dem hegemonialen Zentrum verschieben kann (Dezentralisierung). Für viele Queers war Fortpflanzung noch nie etwas „Natürliches“.
Gegenwärtig werden ihnen auch die vorhandenen technologischen Möglichkeiten versperrt, da sie nicht in das Schema reproduktiver Staatsbürgerschaftssubjekte passen und somit nur einen erschwerten Zugang zu IVF haben. Reproduktionstechnologie queer anzueignen bedeutet dann vor allem: Technologie nicht nur zur Behebung von Mängeln, Defiziten und Krankheiten (bzw. das, was medizinischer und gesellschaftlicher Diskurs zu solchen erklärt) zu nutzen, sondern sie darüber hinaus als Erweiterung zu verstehen.

Firestone wurde aber schon zu ihrer Zeit von anderen Feminist*innen stark kritisiert. Ihrem Technologie- und Fortschrittsoptimismus wurde entgegengehalten, dass die Wissenschaft für Frauen* oft nur Exklusion und Kontrolle von Körpern bedeutet – warum sollten ausgerechnet hier ein progressiver Prozess angestossen werden?

An anderer Stelle wird das emanzipative Potenzial von technologischem Einsatz in der Reproduktion ebenfalls sehr kontrovers diskutiert. Mit diversen Diagnoseverfahren – vor allem Pränataldisgnostik und  Präimplantationsdiagnostik – verbinden sich Vorstellungen von Autonomie und Selbstbestimmtheit, die von vielen Feminist*innen deshalb als relevante Option genannt werden. Wie sehr hier aber eigentlich ein bevölkerungspolitischer Anspruch in Verbindung mit wissenschaftlich-technologischen Mitteln an ganz anderen Dingen arbeitet als an der Befreiung von Frauen* kann schnell deutlich gemacht werden. So schreibt Andrea Trumann von „individualisierter Eugenik“ und meint damit, dass die Entscheidung gebärfähiger Menschen, eine Abtreibung bei festgestellter Behinderung vorzunehmen, individualisiert worden ist. Eugenische Praxis wird demnach nicht mehr von einem Staat autoritär angeordnet, sondern mittels medizinischer Untersuchungen provoziert, die die Entscheidung der Schwangeren entsprechend beeinflussen. Nichtsdestotrotz gilt es, was
eine feministische Debatte um Abtreibung betrifft, die Position von Frauen* nicht aus dem Blick zu verlieren. Moralisierende Kritik an der Entscheidung einzelner Schwangerer aufgrund einer festgestellten Behinderung abzutreiben setzt auf eben jenem individualisierenden Diskurs auf und verkennt die mitunter erheblichen  ökonomischen Risiken, die auf Frauen* warten, selbst wenn das erwartete Kind keine körperlichen oder geistigen Einschränkungen hat.

Im Roman ist Conni von den Reproduktionsmethoden jener zukünftigen Zeit abgestoßen und fühlt sich in ihrer Würde als Frau verletzt, die ihren Selbstwert aus ihrer Opferbereitschaft zieht: „Wie kann ein Mann wohl Mutter sein! Wie kann irgendein Kind, mit dem du nicht verwandt bist, dein Kind sein!“ Sie ist wütend, weil man ihr die –
wie sie glaubt – einzige Macht, über die sie je verfügte, streitig machen will: ihre Gebärfähigkeit. Vielleicht sind uns
diese Vorstellungen und Gefühle fremd. Dennoch verdeutlichen sie, wie schrecklich Freiheit – aus einer unfreien Perspektive heraus betrachtet – erscheinen kann. Ebenso zeigt sich, wie schmerzhaft es gerade für die fast machtlosen sein kann, ihr Quäntchen Macht aufzugeben „im Austausch für keine Macht für niemand.“ Die
Frage nach der Utopie kann somit nie abschließend beantwortet, sondern immer nur neu gestellt werden.

* Wenn wir von Frauen* reden, meinen wir damit überwiegend die Menschen, die gesellschaftlich dazu gemacht werden. Zu bedenken ist auch, dass nicht alle gebärfähigen Menschen Frauen sind.

Auch in der Gǎidào Nr 89 Mai 2018 nachzulesen

Feminismus in Szene

Drei Monate lang hat sich die Gruppe “Feminismus in Szene” getroffen, über Alltagssexismus, Feminismen, Männlichkeit, Empowerment diskutiert, experimentiert, Theater gespielt. Gemeinsam, aber auch getrennt, in einer FLTI*-Gruppe und einer kritischen Männlichkeitsgruppe. Jetzt wollen sie mit unseren Fragen und Herausforderungen nach außen treten und laden euch daher zu einem Einblick in ihr Theaterprojekt ein – unsicher, aber hoffnungsvoll:

Feminismus in Szene- interaktives Museum zum Thema Alltagssexismus

– Begegne deinem emanzipatorischen Anspruch
– Was denn da los? – Bilderraten im sexistischen Alltag
– Der Blick nach innen: Ein Stuhl. Ein Konflikt. Zwei Posen.
– Reflexions-Speeddating
– Soundcollage: Stimmen von der Straße.
– Begrüßt, beklemmt, besoffen – kurze Szenen zum Revolutionieren

Tretet ein und erlebt die Ausstellung! In den einzelnen Stationen könnt ihr zuschauen, aufnehmen,  wirken lassen. Aber: sie spielen interaktives Theater, ihr könnt euch also auch selbst ausprobieren, eure Zweifeln Raum geben, die eigenen Kategorien in Frage stellen. Bestimmt kann das auch herausfordernd und intensiv werden, vor allem da sie uns mit solch einem allgegenwärtigen Thema konfrontieren und Sexismen dazu auch direkt zeigen. Wir werden füreinander da sein und versuchen, Erlebtes gemeinsam aufzufangen! Ihr seid eingeladen, mit uns in Aktion zu treten, andere Perspektiven anzustoßen und unsere Realitäten zu verändern!

all genders welcome! Wir sind gespannt…

8. April in Dresden, AZ*Conni von 15-17 Uhr
9. April in Halle, Reile von 18-20 Uhr
10. April in Jena, in nem Hausprojekt tba von 20-22 Uhr
12. April in Chemnitz, KOMPOTT, 17-19 Uhr